Kapitel 1

1892, London

Die Orgel spielte eine schwermütige Melodie und der Duft von Weihrauch schwängerte die Luft. Viktor konnte es gar nicht erwarten, endlich an den offenen Sarg zu treten. Das Scharren vieler Füße störte die Andacht. Aber seine Gedanken weilten ohnehin nicht beim stummen Gebet für die Seele des Verstorbenen. Vielmehr hoffte er, sein hübsches Gesicht mochte unversehrt sein. Es sollte seine Schöpfung zur Vollendung bringen. Die Aufregung griff nach Viktor und nahm ihm fast den Atem.

Er hatte alle Teile beisammen, wenn er heute Nacht in das Mausoleum der angesehenen Familie Chesterfield einbrach. Ein letztes Mal würde er ein Grab schänden, doch zumindest musste er in diesem Fall keine feuchte Erde durchwühlen. Hinter einer polierten Platte mit Inschrift wurde der Totenschrein in einer Nische aufbewahrt. Wichtig war das Werkzeug, um die Schrauben zu lösen. Dazu ein Skalpell und die Knochensäge.

Jonathan war ein junger Adeliger, der es mit der Fuchsjagd übertrieben hatte. Sein Pferd war gestürzt und ein Genickbruch ließ ihn das Zeitliche segnen. Dieser wundervolle junge Mann würde Viktors Geschöpf nicht nur seine Züge verleihen, sondern ihm auch Herz und Verstand geben. Darum war es nur recht, ihn Jon zu nennen. Der Baron sollte leben, wenngleich bescheidener als zuvor.

Wie waren die Wirbel gebrochen? Ließen sie sich ansetzen an den Teil des Rückgrats, der aus dem Oberkörper seiner Kreatur ragte? Dies erforderte keine Flickschusterei, sondern Viktor konnte das Wissen eines Chirurgen zum Einsatz bringen, das schon lange in ihm schlummerte.

Endlich kam er zu dem aufgebahrten Leichnam in dem massiven Mahagonisarg. Da war er. So schön selbst im Angesicht des Todes. Die Augen geschlossen und das Lächeln der Zufriedenheit auf den Lippen. Man hatte ihn rasiert, obwohl er zu Lebzeiten gern mit stoppeligen Wangen provozierte.

Tränen standen Viktor in den Augen, um den Verlust dieses Menschen zu beklagen. Aber er würde ihn retten. Nur zu gern hätte er den Anzug berührt, der Jonathan so gut kleidete, doch er wurde bereits ungeduldig weitergeschoben. Ein Raunen machte sich breit und verhallte in den Höhen der Kirche. Der Mob wollte sich verabschieden von einem Mann, an dessen Größe er niemals heranreichte. Noch hätte sich der Baron mit einem von ihnen abgegeben. Trotzdem galt es als schick in der untersten Klasse, sich die reichen Toten anzusehen, denn oft gab es eine einfache Mahlzeit zum Leichenschmaus.

Auch in Viktors Bauch nagte der Hunger, er musste sich stärken für sein Vorhaben. Seine geringen Mittel wurden aufgezehrt von den Kosten für die Ausrüstung seines Labors. Und Stangeneis in rauen Mengen.

„Wir sehen uns wieder“, flüsterte Viktor. „Schon sehr bald, Jon.“

 

 

Kapitel 2

Viktor hatte Arzt werden wollen. Dafür besuchte er eine der besten Universitäten in London, doch dann ging ihm nach dem plötzlichen Tod seiner Eltern das Geld aus. Erst versuchte er, sich mit Sezierarbeiten über Wasser zu halten, doch schon bald war er gezwungen, seine Studien aufzugeben. Seitdem hatte er unzählige Menschen aufgeschnitten, um der Ursache ihres Ablebens auf die Spur zu kommen.

„Verbrüdert mit dem Tod – für das Leben“, murmelte Viktor vor sich hin, während er den großen Schnitt ansetzte. Er musste dem Mann den Körper öffnen, es war immer dieselbe Routine. Auf diesem Tisch starben seine Träume. Niemals würde er einer Erkrankung auf die Spur kommen oder sonst eine bahnbrechende Entdeckung machen. Aber er konnte der Familie dieses armen Teufels mitteilen, dass er einem Blutgerinnsel im Gehirn zum Opfer gefallen war.

Und doch war Viktor ein Wissenschaftler. Mutig ging er Schritte, die andere nicht wagten. Voller Anmaßung. Er war dem Leben an sich auf der Spur, dem göttlichen Funken.

Jeden Penny steckte er in sein Labor, das er in der kleinen Mansardenwohnung eingerichtet hatte. Er besaß sogar zwei Eisschränke, in denen er die Körperteile lagerte, die ihm zur Gestaltung seiner Schöpfung dienen sollten.

Dieser Mann hier war nicht mit Schönheit gesegnet, aber Viktor hatte Leichen auf dem Seziertisch gehabt, die seine Aufmerksamkeit erregten. Mal war es eine ästhetisch ausgebildete Brustpartie, dann wiederum ein wundervoll geschwungener Hüftknochen. Selbst die Krone der Männlichkeit hatte er nach seinen Wünschen ausgesucht und gewissenhaft herausgetrennt. Der Gedanke, endlich seiner dunklen Leidenschaft nachgeben zu können, brachte sein Herz zum Pochen und die Lenden glühten.

Seine Arbeit erledigte Viktor wie in Trance, er wog die Organe und notierte die Ergebnisse. Es war nichts Außergewöhnliches, denn der Kopf dieses Toten hatte das Geheimnis seines Verscheidens bereits preisgegeben. Und doch musste Viktor jeden Handgriff routiniert ausführen. Das gab seiner Vorstellungskraft Raum für Höhenflüge. Immer wieder musste er an Jon denken.

„Du wirst eine Muse sein, ein perfekter Liebhaber für mich“, flüsterte er ergriffen. Er erwartete viel, vielleicht sogar zu viel, aber er wollte an seinen Erfolg glauben.

Viktor erfasste eine Aufregung, die selbst die Fingerspitzen kribbeln ließ. Heute Nacht war der passende Zeitpunkt für die Ausführung seines Plans. Er würde eine große Menge Energie benötigen, um seiner Kreatur zum Leben zu verhelfen. Die Wetterprognose der „Times“ hatte von möglichen Unwettern gesprochen. Viktor wollte den Himmel beobachten und die Anzeichen deuten.

Eigens für seine Experimente hatte er den Blitzableiter modifiziert. Schon vor vielen Jahren erfand ein Amerikaner namens Benjamin Franklin das Prinzip. Doch Viktors Vorrichtung leitete die Kraft der Blitze nicht ins Erdreich, sondern bündelte sie und speiste damit seine Apparaturen.

Beherrschbar war diese Naturgewalt nur bedingt, sie barg große Gefahren, aber ihm blieb keine andere Wahl. Es gab große Fortschritte, die Elektrizität gezielt einzusetzen, aber ihm fehlte der Zugang zu diesen physikalischen Errungenschaften.

Er würde bereit sein, wenn ihm die Elemente gnädig gestimmt waren. Vorher musste er noch die wichtigsten Komponenten seiner Schöpfung besorgen. Mit ein wenig Glück würde er es trockenen Fußes zurückschaffen. Voller Spannung sah er seiner schaurigen Mission entgegen.

***

Das Wasser lief Viktor über den Rücken und tropfte ihm von den Augenbrauen ins Gesicht. Leider hatte ihn ein heftiger Guss überrascht, als er mit seiner Beute über die Friedhofsmauer kletterte. Auch der Jutesack, in dem er den Kopf, das Herz und die Lunge des angebeteten Jonathan Chesterfield mit sich trug, war durchnässt. Die beiden Organe bildeten eine Einheit, die über dicke Arterien verbunden war. Viktor hoffte, keine blutige Spur bis zu seinem Haus gelegt zu haben, aber der Regen würde sie wegwaschen. Die Straßen waren wie leer gefegt, die Leute hatten sich in ihren Häusern verkrochen.

Der kräftige Schauer war nur ein Vorbote gewesen. Jetzt musste Viktor sich beeilen. Das Unwetter war bereits in Sicht, es drohte schwarz über den Dächern der umliegenden Bauten. Er hatte noch so viel zu tun.

Als er seine Mansardenwohnung betrat, fühlte er das Summen der Maschinerie, er konnte die elektrisch aufgeladene Luft regelrecht schmecken. Offenbar musste er die Vorrichtung nicht überprüfen, sie hatte die Energie der bisherigen Blitze eingesammelt. Er nahm diese Schwingungen auf und versuchte, seine Aufregung im Zaum zu halten. Der Puls ging viel zu schnell. Wie ein flatternder Vogel.

Viktor begab sich schnell an seinen Seziertisch und befreite Jonathans Kopf von den Tüchern. Gern hätte er sich die Zeit genommen, das blutverschmierte Gesicht zu reinigen, das ihm nun entgegenstarrte, aber es war Eile geboten. Um die fein verästelten Gefäße wieder nutzen zu können, war es notwendig, sie mit Kochsalzlösung zu spülen. Gerade das Hirn musste bis in die kleinsten Kapillaren durchgängig sein, dasselbe galt für die verklebten Lungenbläschen.

Während er die Vorbereitungen durchführte, legte sich seine Nervosität wieder. Alles Weitere benötigte absolute Präzision, er konnte sich keinen falschen Griff leisten. Noch arbeitete er mit totem Gewebe, aber das sollte sich bald ändern. Probehalber streckte er seine Hand aus und beobachtete, wie sie langsam ruhiger wurde.

„Mögen die Mächte der Natur auf unserer Seite sein. Ich darf kein weiteres Mal fehlen, dieses Experiment muss einfach gelingen. Es muss!“, sagte er laut, um sich nicht so unbedeutend zu fühlen angesichts des Universums. Viktor wollte Großes schaffen! Wenn er gegen solche Gewalten antrat, gab es kein Versagen. Nur seinen Untergang.

Er atmete tief durch und legte sich das Besteck zurecht. Es war keimfrei, denn es kam direkt aus seinem selbst gebauten Sterilisator, den eine Dampfmaschine antrieb. „Nur Mut“, murmelte Viktor und begann mit seinem schwierigen Vorhaben.

Den Schnitt zum Abtrennen des Hauptes hatte er im perfekten Winkel geführt, Wirbel und Rückenmark beider Teile fanden zueinander. Voller Andacht setzte er Jonathans Herz und die Lunge ein, verknüpfte sie mit den anderen Organen. Bei Nerven und Blutgefäßen musste er besonders sorgsam vorgehen. Ja, er wäre ein guter Arzt geworden.

Nachdem er alles gereinigt hatte, begann er, von innen nach außen zu vernähen. Diese hohe Kunst hatte er von seiner Großmutter gelernt, als er noch ein Junge gewesen war. Akribisch setzte er die Nähte, verband, was eins werden sollte.

Bereits in der vergangenen Nacht war es seine Aufgabe gewesen, sämtliche Stücke zusammenzufügen, die zum Leib gehörten. Er hatte Ober- und Unterkörper getrennt gelassen, damit er sie noch in den Eisschränken kühlen konnte. Als letzte Tat vor dem großen Moment würde er die beiden Hälften vereinen.

Draußen braute sich ein Inferno zusammen. Immer wieder stoben krachend die Funken von den Kontakten, die er nur noch mit seiner Apparatur verbinden musste. Der Geruch von Ozon breitete sich aus und ein Kribbeln überlief Viktor. Das ganze Labor war wie aufgeladen, während er schnell und gleichmäßig zu arbeiten versuchte.

Wenn es für einen Moment still war, konnte Viktor den Herzschlag in seinen Ohren hören. Die Öllampe leuchtete die Operationsfläche eher unzureichend aus, es war sehr von Vorteil, ein Kenner der menschlichen Anatomie zu sein. Nur seine Finger zitterten von Zeit zu Zeit, doch er musste jetzt selbst funktionieren wie eine Maschine.

Viktor hatte einen einzigen Versuch. Das empfindliche organische Gewebe konnte keinen weiteren Stromstößen standhalten. Er hatte elektrische Widerstände zwischengeschaltet, damit die Wucht des Einschlages gedämpft wurde. Auch dieser Aufbau würde die hohe Spannung nicht überleben.

Fieberhaft arbeitete er Stunde um Stunde. Seine Augen tränten vor Anstrengung, doch er gönnte sich keine Pause. Das Unwetter war noch über der Stadt und er musste fertig sein, bevor es weiterzog. Das Wüten des Sturms ließ bereits nach. Mit beinahe tauben Fingerspitzen setzte er die letzten Nähte. Sie waren blutig. Dann endlich nur noch ein Stich. Den Faden durchtrennt. Die Nadel fiel herunter und verschwand in der Dunkelheit. Vor Erleichterung weinte Viktor.

Es war vollbracht. Seine Kreatur lag vor ihm, so schön, wie er sie sich erdacht hatte. Das Gesicht wie im Schlaf und noch waren die Muskeln schlaff, die Wimpern lagen schwer auf den wundervollen Wangen.

In seiner Einsamkeit hatte Viktor den begehrten Jonathan Chesterfield nur auf der Straße beobachten können, wenn dieser mit seinen reichen Freunden vorbeigeeilt war. Unbeschwert hatten sie herumgealbert, ohne ihn wahrzunehmen. Jetzt sollte der Jüngling zu seinem Gefährten werden. Ausgestattet mit einem kräftigen Körper und einer ausgeprägten Männlichkeit, die Viktor erröten ließ.

Alles, was noch fehlte, war der Saft des Lebens. Er würde Jon geben, was immer er erübrigen konnte. Mit fahrigen Bewegungen holte Viktor die kleine Pumpe, die ihre Organismen über zwei Schläuche mit dicken Kanülen verbinden würde.

„Welch süße Pein!“, rief Viktor aus, als er die Hohlnadel in seiner Vene versenkte. Jeden Schmerz hätte er auf sich genommen, um ans Ziel seiner Wünsche zu gelangen.

Wie viel mochte es sein? Konnte er Jon für den Anfang einen Liter seines Blutes geben, bevor er das Bewusstsein verlor? Oder mehr? Er musste noch ausreichend Kraft besitzen, um den Hebel umzulegen und voll banger Freude zu warten.

Wie theatralisch Viktor doch war, sein Herz ungeübt in dem, was man Liebe nannte. Atemlos malte er sich aus, diese Lippen zu küssen. Es war ihm verboten, seiner Leidenschaft zu folgen, aber Jon war sein Geschöpf. Niemanden hatte zu interessieren, was sie hinter den Mauern der Mansardenwohnung trieben. Einer Absteige gleich, würde sie ihr Geheimnis wahren und zum Schloss aller Schlösser werden.

Ihm schwanden beinahe die Sinne, er musste aufhören, voller Faszination auf die Röhren an der Pumpe zu starren, in denen dunkelrot das Leben floss. Viktor wickelte ein Tuch um seinen Arm, nachdem er die Kanüle entfernt hatte, und verband auch Jons Wunde. Die Essenz würden sie teilen und noch so vieles mehr.

Jeder Kontakt war an seinem Platz, Viktor überprüfte alles mehrfach. Gleich würde Strom durch die Kabel fließen. Mit zitternden Fingern stellte er die Verbindung her. Ein leises Summen signalisiert ihm, dass der Schalter aktiv war. Der nächste Blitz ...

 

 

Kapitel 3

Die Leitungen vibrierten und die Szenerie war in ein unheimliches Lichterspiel getaucht. Das Unwetter war jetzt direkt über ihnen. Viktor hätte gern mehr Spulen und schlecht leitende Metalle gehabt, als er bisher verbaut hatte. Ein Blitz würde nach seinen Berechnungen die richtige Spannung erzeugen, aber die Natur war sprunghaft. Was, wenn gleich mehrere Treffer seine Apparatur außer Gefecht setzen – oder gar schlimmer –, die volle Ladung dieses filigrane Wesen treffen würde?

Getöse brach um Viktor herum los, der Winde heulte um die Dachkante. Rasch eilte er zum Fenster, um die Eisenkugel zu sehen, die den Blitzen als Ziel diente. Dann gab es in rascher Folge immer wieder Einschläge. Ein infernalisches Krachen nach dem Nächsten. Oh nein! Seine Netzhäute wurden fast versengt von dem Gleißen. Er konnte im letzten Moment die Lider schließen, aber ein Brennen in den Augen ließ ihn aufstöhnen. Das Unheil nahm zischend seinen Lauf. Geblendet.

Halb blind sprang er auf seine Apparatur zu, versuchte, die Kontakte zu trennen. Doch es war zu spät! Über die Liege, auf der sein Geschöpf lag, spannte sich ein greller Lichtbogen. Viktor konnte nur noch Schatten wahrnehmen und sah, wie der Körper sich in konvulsivischen Zuckungen aufbäumte.

„Neeeeiiiiin!“, schrie Viktor verzweifelt. Die Energiewelle schleuderte ihn zurück, er flog durch den Raum wie eine Puppe. Sein Kopf schlug gegen einen Balken und explodierte fast vor Schmerz. Gegen den Sog der Dunkelheit konnte er sich nicht wehren, Schwindel erfasste ihn. Taumelnd wollte er auf die Füße kommen, hatte aber nicht mehr die Kraft, sich zu erheben. Er kämpfte sich noch einmal hoch, dann brach er zusammen.

„Jon!“ Diesem wundervollen Mann galt Viktors letzter Gedanke, bevor er im Abgrund versank.

***

Viktor roch verbranntes Fleisch, als er langsam wieder zu sich kam. Was hatte er nur getan? Sein Schädel schien zerplatzen zu wollen und die Augen brannten wie Feuer. Er tastete Blut an der Stirn. Außerdem waren seine Wangen nass, er musste geweint haben. Die Lider fühlten sich geschwollen und verklebt an, sie ließen sich nicht öffnen. Es war, als riebe mit jeder Bewegung rauer Sand über das empfindliche Gewebe. Hatte er sich die Augen verblitzt? Wo befand er sich überhaupt?

Trotz der schmerzenden Wellen in seinem Kopf, musste er an das Schicksal seiner Kreatur denken. Das Experiment war misslungen, die Forschungsarbeit von Jahren zunichtegemacht. So sorgsam hatte er die Teile des Körpers ausgewählt, hatte sich in jeder freien Minute Tagträumen hingegeben, wie es wohl wäre, nicht länger einsam zu sein. Jetzt war sein geliebtes Geschöpf nur mehr ein Sonntagsbraten. Vielleicht kam noch der Verlust seines Augenlichts hinzu.

Mit Gewalt öffnete Viktor die Lider und stöhnte vor Schmerz, der Sehnerv und der Muskel waren überreizt. Doch außer ein wenig hell und dunkel konnte er nichts wahrnehmen. Da war ein Flackern! Hitze schlug ihm entgegen. Feuer!

Mühsam stand er auf, alle Knochen taten ihm weh. Wo waren die Eimer, die das Wasser von den undichten Stellen im Dach auffingen? Wenngleich nichts von seiner Arbeit zu retten war, wollte er doch nicht elendig in seiner Mansarde verbrennen.

Dabei hatte er es verdient. Viktor sollte Jons Los teilen und für seinen erneuten Frevel bezahlen. Es war nicht das erste Mal, dass er die Kräfte des Kosmos‘ erzürnte. Schon zwei Jahre zuvor hatte er sie herausgefordert und sein erstes Spiel mit dem Funken des Lebens gewagt. Aber Blindheit wäre eine unmenschliche Strafe für ihn, da hätte er auch gleich sterben können.

„Bitte! Bitte lasst mich dies überstehen und gebt mir meine Augen zurück!“, rief er händeringend. „Ich werde nicht wieder scheitern! Gewährt mir die Möglichkeit, es richtig zu machen! Diesmal war ich so nahe dran, den Tod zu überwinden!“

An wen er seine dringende Bitte richtete, wusste er nicht. Viktor war kein Prometheus … kein Titan, nur ein unbedeutender Wissenschaftler. Wer sollte sein Flehen erhören?

Nur mühsam orientierte er sich und tastete sich vorwärts. Dann endlich stieß er mit dem Fuß gegen einen der Holzeimer. Doch das war nicht das einzige Geräusch, irgendwo in einem anderen Winkel des Labors klirrte und polterte es. Die Auswirkung der Flammen konnte es nicht sein, soweit hatten sie sich noch nicht ausgebreitet. Es klang, als wäre etwas umgestoßen worden.

Dazu würde Viktor später kommen, jetzt forderte der Brand seine Aufmerksamkeit. Die helle Fläche des Feuers war nicht sehr groß, nur die Nähe zu den elektrischen Gerätschaften konnte eine Gefahr darstellen. Noch immer sprühten Funken, er musste den Hebel wieder umlegen und die ständigen Entladungen abschalten. Aber es war höchst gefährlich, mit den Händen die Kontakte zu berühren.

Wie auch immer, Viktor sollte schnell die lodernde Glut löschen, bevor der Dachstuhl Feuer fing. Er war umgeben von Holz. Blindlinks schüttete er den Inhalt des Eimers auf die Stelle, wo er meinte, das Züngeln wahrzunehmen.

Es zischte, als das Wasser das heiße Metall kühlte. Es gab kleine Explosionen und es krachte von der Spannung. Doch zugleich hörte Viktor einen Schrei, ähnlich dem eines Tieres, das sich vor dem Lärm erschreckte und polternd davonstob.

„Bei allen guten Mächten!“, rief er aus.

Hatte er es doch geschafft, Jon zu erwecken? Existierte er als Kreatur, die es würdig war, seinen Namen zu tragen? Das Geräusch hatte wenig Menschliches gehabt.

Verzweiflung griff nach Viktors Herzen. Bei seinem ersten Experiment hatte er einem Geschöpf das Leben geschenkt, das einer Bestie glich. Nach der gebückt laufenden Gestalt gehörte es beinahe zu seiner Spezies, aber es litt unter furchtbaren Verwachsungen und konnte sich nicht artikulieren. Mit Tränen in den Augen hatte Viktor es von seinen Qualen erlöst.

Auch diesmal hatte er eine Spritze mit Zyanid aufgezogen und sie für den Notfall deponiert. Es war unüblich, diese Substanz intravenös zu verabreichen, doch es war die schnellste Weise, den Tod auszulösen. Nur war er fast vollständig erblindet und fand sich nicht zurecht. Eher würde er selbst zum Opfer werden, falls das Wesen einen Funken Verstand besaß.

Er weinte, schluchzte beinahe. Ja, Viktor hatte Angst. Sein Atem keuchte und das Herz pochte wild in seiner Brust. Was auch immer er geweckt hatte, er war ihm hilflos ausgeliefert.

***

Viktor hatte sich verkrochen und ein Eckchen gesucht, in dem er hoffentlich nicht so leicht zu finden war. Er wähnte sich in einem Winkel des Raumes, den er nutzte, um Material zu lagern, aber er war nicht sicher. Was ihn dazu brachte, war der reine Selbsterhaltungstrieb.

Die Luft war zum Schneiden, sie war kaum zu atmen durch den Rauch und den Wasserdampf. Es kitzelte in Viktors Hals, aber er durfte nicht husten. Jeder Laut konnte ihn verraten. Er würgte beinahe, als der Reiz übermächtig wurde.

Mittlerweile ging er davon aus, dass sein Erweckungsversuch erfolgreich gewesen war. Jon lebte. Hatte Viktor nicht triumphiert? Der göttliche Funke war einem Unwetter entsprungen, um nach seinem Willen zu handeln. Die Forschung besiegte den Tod durch seine Hände.

Entscheidend war die Frage, in welchem Zustand Jon sich befand. Aber ganz gleich, wie das Ergebnis aussah, sein Geschöpf würde nicht weniger Anpassungsprobleme haben als Viktor selbst. Die Schmerzen in seinen Augen waren ein ständiges Brennen, pulsierende Wellen peinigten seinen Kopf.

Dabei hatte er für Jon da sein wollen. Die plötzliche Blindheit verdeutlichte Viktor, wie schutzlos er sich vorkam, wenn ihm sein Hauptsinn fehlte. Wie sollte sich erst seine Kreatur fühlen, die dem Tod entrissen wurde und alles neu entdecken musste? Doch statt den ersehnten Gefährten in die Arme zu schließen, fürchtete Viktor ihn. Er ließ den Neugeborenen erbärmlich im Stich und bereute sein Versagen.

Leider war Viktor kein Held. Sich unvorbereitet dem Unbekannten zu stellen, war nicht seine Stärke. Er fühlte sich nur sicher, wenn er die Kontrolle über einen Versuch hatte. Zurzeit waren ihm sämtliche Zügel entglitten, am liebsten hätte er sich noch tiefer verkrochen. Als es ganz in seiner Nähe rumpelte, zog er die Decke, die ihn verhüllte, enger um sich. Bei jedem Geräusch fuhr er zusammen, die Arme hatte er fest um sich geschlungen.

Irgendwann war Viktor wohl in einen leichten Schlaf gefallen. Er schreckte hoch. Hatte er eine Berührung gespürt? Angespannt hielt er die Luft an.

Da stupste ihn erneut etwas an. Viktor schluckte hart, denn es war ein Finger, der sein Kinn anhob, um ihm über den kleinen Bart unter der Lippe zu streichen. Jetzt durfte er keine hektische Bewegung machen, wie erstarrt ließ er sich untersuchen und hörte ein leises Schnauben.

Es folgte ein Grunzen, dann ein tiefes Brummen. Erprobte Jon bereits seine Stimmbänder? Das war erstaunlich, denn sein Hirn wurde noch nicht optimal mit Sauerstoff versorgt. Die Blutmenge, die Viktor ihm gegeben hatte, war zu gering. Nur mit Kochsalzlösung gestreckt war es ausreichend, den Organismus notdürftig am Leben zu erhalten. Alle paar Tage würde er ihm mehr spenden, bis der Körper die Bildung von Blut selbst übernahm.

Viktor war Wissenschaftler. Trotz aller Furcht überkam ihn ein ungeheurer Stolz. Vielleicht konnte er mit Jon reden, sobald er seinen Wortschatz wiedergefunden hatte. Nichts wünschte sich Viktor mehr neben der körperlichen Nähe. Doch der Finger verschwand. Plötzlich war er wieder allein.

„Wo bist du hin?“, fragte er leise.

Warum er es tat, wusste er nicht so genau, aber er streckte suchend die Hand nach Jon aus. Es wunderte ihn, woher er den Mut nahm. Dafür wummerte es heftig in seiner Brust und ihm wurde heiß. Konnte er seinem Geschöpf vertrauen?

Mit gespitzten Ohren verfolgte Viktor seinen Weg durch das Labor. Als es sich ihm wieder näherte, hielt er erneut den Atem an. Vorsichtig hob er die geschwollenen Lider, so gut es eben ging. Der Schmerz überwältigte ihn fast, als er den Lichtreizen ausgesetzt war. Undeutlich konnte er eine Silhouette ausmachen: Jon saß vor ihm und schien ihn zu betrachten.

Begleitet von einem leisen Stöhnen, schloss Viktor die Augen wieder. Dann spürte er, wie ihm ein nasses Tuch darübergelegt wurde. Die Berührung war sehr behutsam und die Kühlung eine Wohltat.

„Danke“, war alles, was er herausbrachte, aber er hätte jubeln können. Dies war ein Mensch, der sein Leid mitempfand und versuchte, ihm zu helfen. Tränen stiegen in Viktor hoch, es wurde eng in seiner Brust. Unfassbar, wie schnell Jon diese Entwicklung vollzog.

„Ich bin Viktor. Dein Name ist Jon.“ Seine Stimme war rau wie ein Reibeisen, er hatte viel Rauch eingeatmet. Doch noch etwas anderes schnürte ihm die Kehle zu: Demut.

Ganz plötzlich hatte ihn die Erkenntnis getroffen. Er pfuschte dem natürlichen Plan ins Handwerk, aber es war nicht sein Verdienst, ein denkendes und fühlendes Wesen zurück ins Leben geholt zu haben.

Viktor erkannte seinen Fehler und wusste mit einem Mal, warum sein erstes großes Experiment zum Scheitern verurteilt gewesen war. Technisch hatte er den Körper wiederhergestellt, er hätte abzüglich einiger Mängel funktionieren können. Was aber fehlte, war der wahrlich göttliche Funke. Ohne Seele konnte es keine Persönlichkeit geben. Er wusste nicht, was Jon in dieser Nacht getroffen hatte, doch es musste mehr gewesen sein als reine Elektrizität ...

„Danke“, murmelte Viktor noch einmal. Ihm war ganz eigenartig zumute. Das Geschenk nahm er voller Ergebenheit an, denn selbst der Wissenschaftler in ihm verstieg sich nicht in dem Glauben, auch nur einen Hauch über die menschliche Seele zu wissen. Bisher hatte niemand ihren Sitz im Körper entschlüsselt.

Als Antwort bekam er ein zustimmendes Grunzen von Jon. Davon ermutigt, tastete Viktor nach seinem Gegenüber. Er schreckte beinahe zurück, als er weiche Haut spürte. Behutsam legte er Jon die Hände auf die nackte Brust, sie war warm und in der Tiefe fühlte er das schnelle Pochen des Herzens. In Viktors Bauch flatterte es verdächtig und sein Puls nahm Fahrt auf. Das Gefühl war unbeschreiblich, es spülte alle Verzweiflung und den Schmerz fort.

Seine Finger wanderten höher zum Hals, erforschten Jons aufgeregt hüpfenden Adamsapfel und das Kinn. Viktor vibrierte in einer drängenden Erwartung, hungerte nach Berührungen. Wie selbstverständlich ließ ihn Jon gewähren, obwohl er hektisch atmete.

Jetzt war Viktor erfüllt von einer neuen Angst, denn er fürchtete, jeden Moment zu weit zu gehen. Trotz seiner schlechten Verfassung klopfte es verlangend in seinen Lenden. Er musste sich zügeln, sie waren noch viel zu weit voneinander entfernt für solche Empfindungen.

Dann erspürte er dieses Gesicht, das ihn mit seiner gnadenlosen Schönheit betört hatte. Obwohl er nur über den Tastsinn verfügte, formte sich ein Bild in seinem Kopf. Die kühn geschwungenen Brauen, die Wangenknochen und der kräftige Kiefer. Zärtlich folgte Viktor den Konturen der Züge. Doch wie gern hätte er den Ausdruck in Jons Augen gesehen.

„Willkommen im Leben“, flüsterte Viktor und streichelte über die wundervollen Männerlippen. Erst zuckte nur der Mundwinkel, aber dann lächelte Jon zögernd.

***

Ein Lächeln baute eine Brücke zwischen zwei Menschen. Leider konnte Viktor es nicht sehen, aber seine Fingerspitzen ersetzten ihm zum Teil das Augenlicht. Mit den kühlenden Kompressen würde die Schwellung schnell zurückgehen. Er hoffte inständig, seine Netzhaut konnte sich regenerieren, denn löste sie sich ab, war er unwiederbringlich blind.

Das durfte sich Viktor gar nicht vorstellen, er würde um die Schönheit dieser Welt betrogen. Bei dem Gedanken, keine Sonnenuntergänge mit seinem Gefährten genießen zu können, schlug ihm das Herz bis in den Hals. Und Jons Gesicht … Konnte das Schicksal so grausam sein?

„Wir brauchen etwas zu essen“, sagte Viktor und hielt ihm erneut seine Hand hin. Nur war es diesmal nicht der Versuch, ihn zu spüren, sondern die stumme Bitte, ihm beim Aufstehen zu helfen. Würde er diese Geste verstehen? Jon ergriff ungelenk seine Hand, doch statt ihn hochzuziehen, schüttelte er sie.

„Ich bin auch hocherfreut, dich kennenzulernen.“ Viktor musste unwillkürlich schmunzeln. Förmlichkeiten sollten nicht zwischen ihnen stehen, darum unterließ er jede Floskel der Anrede. Es war ohnehin fraglich, ob sich Baron Chesterfield an sein altes Leben erinnerte. Aber gewisse Umgangsformen waren Jon trotz allem noch geläufig.

„Bitte bringe mich an den Tisch. Würdest du das für mich tun?“ Angespannt wartete Viktor, was geschehen würde. Verstand Jon seine Worte, obwohl er die eigene Sprache noch nicht einsetzen konnte? Unter den gegebenen Umständen durfte Viktor nicht voraussetzen, dass Jon mehr Intelligenz besaß als ein Tier. Er gab ihm jetzt schon Rätsel auf.

Jon machte einen gutturalen Laut und stand auf, dann passierte erst einmal nichts. Hatte er ihm seinen Arm angeboten? Ein wenig unsicher tastete Viktor nach ihm, doch als er mit festem Griff auf die Füße gezogen wurde, schrie er überrascht auf.

„Vielen Dank“, beeilte er sich zu sagen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Jon so viel Kraft besaß, zumal er jetzt dringend Nahrung benötigte, nachdem Viktor die Zellen seines Körpers wiederbelebt hatte. War dies alles biologischen Ursprungs oder hatte Magie sein Geschöpf berührt? Viktor war die Geschwindigkeit seiner Regeneration unheimlich.

„Ich habe nur altes Brot und Käse, vielleicht noch einen Kanten Schinken. Das ist kein feudales Mahl, aber es wird uns für den Beginn die Bäuche füllen.“

Diesmal hatte er sich bei Jon eingehakt und spürte erfreut den ausgeprägten Armmuskel. Oh bitte, Viktor wollte seinen Leib endlich sehen, die Früchte seiner Arbeit bestaunen. Doch er musste sich gedulden.

Gemeinsam schlurften sie durch das Labor, in dem chaotische Zustände herrschen mussten, aber sie kamen unbeschadet am Tisch an. Das Wetter schien sich beruhigt zu haben und mit ihm die elektrische Anlage, doch es war sicher noch immer dunkel. Wo war die Laterne?

„Nehme Platz.“

Zum Glück war das Bündel noch da, Viktor ertastete das Stück Jutestoff, in das er die verbliebenen Nahrungsmittel eingewickelt hatte. Eher ungern überließ er Jon das Messer. Sicher würde er geschickter damit umgehen als er selbst, solange er blind war. Aber Viktors Augen schienen sich zu erholen. Erstaunt nahm er sogar durch die Kompresse wahr, dass ein helles Licht brannte. Das war die Öllampe, die Jon angezündet haben musste.

Er hatte den Docht mit Feuer entfacht. Kein Tier beherrschte solche Fertigkeiten, noch nicht einmal nach langem Training.

„Hab Dank“, flüsterte Viktor und nahm den Käse entgegen, den er ihm in die Hand drückte. Dann führte Jon seine Finger zu einem Teller mit Brot, den er vor ihn gestellt hatte. So langsam glaubte Viktor an ein Wunder. Das alles ging nicht mir rechten Dingen zu, zumindest versagte die Wissenschaft bei einer Erklärung.

Nachdenklich kaute Viktor die karge Speise und kam wieder langsam zurück auf den Boden der Tatsachen. Wie sollte er in Zukunft zwei Mäuler stopfen, wenn er den Arbeitsplatz verlor? Ohne sein Augenlicht konnte er weder Leichen sezieren noch Überstunden machen, um die Extrakosten zu decken. Ihm blieb allein die Hoffnung, schnellstmöglich zu genesen.

Offensichtlich war Jon bereits fertig mit seinem Imbiss, er hatte sich ein Stück entfernt und gab verstörende Geräusche von sich. Obwohl Viktors Gehör sich geschärft hatte, irritierten ihn diese Laute und er bemerkte erst spät, dass es Sprechübungen waren.

Allerdings war es nicht die gewohnte englische Sprache, derer Jon sich bediente. Italienisch? Warum in aller Welt versuchte sich sein Geschöpf in fremden Zungen? Wobei Viktor nur wenige Worte geläufig waren – und diese bestanden aus deftigen Flüchen.

Das wurde ihm immer suspekter. In Viktors Kopf wirbelte alles durcheinander, es war schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Doch zumindest fand er eine Kartoffel, die er sehr vorsichtig mit dem Messer zerteilte, um die Kompresse zu ersetzen. Die Stärke würde den Brand herausziehen.

Es war ihm unbegreiflich, was um ihn herum passierte. Leider hatte er mit sich selbst genug zu tun, weil ihm der Schmerz die letzte Kraft raubte. Doch das Pulsieren ließ langsam etwas nach. Erleichtert seufzte er auf.

***

Viktor schob sich tastend Richtung Bettstatt. Es gab nichts anderes zu tun, als vielleicht noch ein wenig Schlaf zu bekommen. Von Jon hörte er noch immer Selbstgespräche, aber er hatte sich ein wenig beruhigt.

Vorübergehend hatte Viktor an einen tanzenden Derwisch denken müssen, denn Jons verzweifelte Bemühungen, ganze Wörter herauszubekommen, waren von heftigen Armbewegungen begleitet worden. Für Viktor waren es nur bizarre Schatten, die ihn ängstigten, wenn er versuchte, etwas zu sehen.

Er war dieses Tages müde. Die Anspannung, der Schmerz und die aufwühlenden Ereignisse hatten ihn dünnhäutig werden lassen, er brauchte dringend Erholung.

Noch immer fühlte es sich an, als hätte er Sand unter den Lidern. Damit die Kartoffelscheiben an ihrem Platz blieben, hatte er seine unnützen Augen mit einem Verband umwickelt.

Sein Bett mit Eisenrahmen und einer Strohmatratze bot ihnen beiden Platz, wenn sie eng zusammenrutschten. Aber Viktor legte sich einfach hin, er zog noch nicht einmal die Schuhe aus. Er war das Tier, das sich verkroch und die Welt ausblendete. Sein Kopf hatte kaum das Kissen berührt, da war er schon so gut wie eingeschlafen.

Wenig später fühlte er einen warmen Körper hinter sich, der sich an ihn heranschob. Im Halbschlaf wusste er gar nicht, wie ihm geschah. Viktor genoss die Nähe und dämmerte gleich wieder weg.

„Marco“, hörte er an seinem Ohr. Die Stimme war noch leicht brüchig, aber er konnte sie deutlich verstehen. Er schien bereits zu träumen.

© Nicole Henser 2017

Druckversion Druckversion | Sitemap
© 2015 Nicole Henser