Kapitel 1

„Hömma, kannste Marek mal sagen, dat Joe hier ist?“

Rob drehte sich um und sah Lazy, einen ihrer Ausbilder, am letzten Spind der Reihe lehnen. Das war mal wieder lässig, der Mann wirkte wie geschaffen für solche Posen. Er war groß und gut gebaut, das Gesicht mit den hohen Wangenknochen leicht gelangweilt. Was ein Dunkelhäutiger aus dem Ruhrpott in Hamburg machte, hatte Rob allerdings noch nicht herausgefunden. Doch Lazy interessierte ihn, er war Mareks bester Kumpel.

„Ich weiß nicht, ob er gleich noch Zeit für einen Besucher hat, wenn ich ihn treffe. Komme vom Training und muss schnell duschen.“ Rob setzte die Tasche auf der Bank ab und öffnete seinen Schrank. „Ich bin spät, gleich fängt der Unterricht an.“

„Ach komm, Jung‘, haste noch nicht mitgekriegt, dat Marek die Platte putzt, wenn Joe inner Nähe is? Er soll ihm nur nicht in die Arme laufen, sonst ist der Tach gegessen.“ Träge grinsend stieß sich Lazy vom Spind ab. Wenn er so schnodderig redete, kam er rüber wie eine Schlaftablette, aber Rob wusste, dass Leben in dem Burschen steckte. Zum Glück ließ er den Potti nicht allzu oft heraushängen. Rob hörte die Fischköppe lieber sprechen, vor allem bei Marek gefiel ihm der nordische Slang.

„Ich suche ihn selbst. Sonst geschieht noch ein Unglück“, befand Lazy dann auch und machte sich nach einem Gruß auf den Weg. Wahrscheinlich würde er im Aufenthaltsraum der Trainer eher fündig werden, denn Marek hielt sich nie in den Duschen der Lehrgangsteilnehmer auf. Leider.

Insgeheim schwärmte Rob für seinen Ausbilder. Sicher war das nur wieder so eine Heldensache, er hatte immer schon zu älteren Männern aufgesehen, weil er sie bewunderte. Seinen Vater lernte er nie kennen. Er war auf der Suche nach einer „positiv belegten männlichen Identifikationsfigur“, so nannte es der Psychologe, zu dem ihn seine Mutter im Teeniealter mal schleifte. Diese Bezeichnung hatte sich Rob gemerkt, weil sie so unhandlich und sperrig klang.

Zu dem Zeitpunkt hatte seine Ma den Verdacht geäußert, er könnte schwul sein. Nun gut, er hatte seine Vorbilder, aber er war deshalb nicht homosexuell. So ein Blödsinn. Eigentlich wollte er sein wie Marek und ihm nacheifern, um ein guter Feuerwehrmann zu werden. Da war es nur natürlich, ihn auch ein bisschen anzuhimmeln.

Und alt war Marek auch noch nicht. Er schätzte ihn so auf Mitte dreißig. Höchstens. Körperlich war er voll auf der Höhe, solche Muskeln hätte Rob gern gehabt. Aber es dauerte wohl, wenn man nicht übertrieben Gewichte pumpte, so einen gestählten Body zu bekommen. Bei ihren Übungen machte ihnen Marek locker etwas vor, gerade im Bereich der Ausdauer.

Darum trainierte Rob auch wie ein Wahnsinniger. Marek sollte ihn mögen, wenn er etwas suchte, dann seine Anerkennung. Von den Kameraden war niemand so verrückt, noch vor Dienstbeginn in den Fitnessraum zu gehen. Er konnte ganz in Ruhe duschen. Die Geschichte mit Joe ließ ihn nicht mehr los, während er unter dem heißen Wasser stand und sich einseifte.

Wieso verschwand Marek von der Bildfläche, sobald der ehemalige Feuerwehrmann auf der Wache auftauchte? Dieser Joe hatte üble Verbrennungsnarben, man sah sie hauptsächlich am Kopf und im Gesicht, aber mit Sicherheit zogen sie sich auch über den Körper. Man munkelte sogar, er hätte ein Glasauge. Das war schön-schauerlich.

Die Verbindung zwischen Marek und Joe interessiert Rob besonders. Wie standen sie zueinander? Der Typ wirkte auf den ersten Blick ganz okay. Da musste etwas vorgefallen sein …

 

 

Kapitel 2

Missmutig schaute Marek auf den Hof hinunter. Dort warteten seine Schüler, aber Joe war auch dabei. Dieser Mistkerl gab einfach nicht auf.

Er drehte die Kaffeetasse in den Händen und stellte sie dann auf die Fensterbank. Marek bekam Beklemmungen, wenn er den blonden Mann sah, auf dessen einer Kopfseite eher Flusen als Haare wuchsen. Beim Bart sah es nicht anders aus, er konnte die verbrannte Haut nicht verdecken.

Es hatte Joe böse erwischt, ohne regelmäßiges Eincremen konnte er sich kaum bewegen, das Narbengewebe an seinem Körper wurde hart und brüchig. Seine ganze Seite war beeinträchtigt. Trotz zahlreicher Transplantationen. Ohne Hilfe bekam er das nicht hin, darum lebte er wieder bei seinen Eltern.

Das alles wusste Marek, aber er konnte sich nicht damit befassen. Leid tat ihm Joe schon gar nicht. Der Bursche verfolgte ihn! Natürlich hatte er sich ausgerechnet zu Mareks Schülern gesellt, weil er wusste, dass er die besten Chancen hatte, ihn dort anzutreffen. Leise knurrend wandte er sich ab, es wühlte in seinem Bauch.

„Du hast dem Alten versprochen, mit dem Versteckspiel aufzuhören. Lesser wird Joe nicht den Zugang zum Gelände verwehren, weil das alles ist, was der arme Kerl noch hat“, sagte Lazy neben ihm. „Er vermisst sein Leben und die Kameraden.“

„Ach, verflucht! Dir muss ich das doch nicht verklickern.“ Jetzt stellte Lazy sich wieder doof, das hasste Marek. Sein Freund wusste in allen Einzelheiten, warum er Joe nicht sehen wollte. Genervt strich sich er durch die Haare.

Mit seinem Vorgesetzten hatte er ständigen Stress wegen dieser Geschichte. Michael Lesser war der Leiter des Bereiches Brandschutz und Mareks direkter Chef. Auf den Mann war er stinksauer, denn er schien mehr auf Joes Seite zu stehen. Diese menschliche Ader war ja toll, aber keiner interessierte sich für Mareks Sorgen. Vielleicht war das ganz gut so, denn sie sollten ihn einfach damit in Ruhe lassen.

„Das alles ist drei Jahre her und ich weiß auch, wer die Psychologentermine geschwänzt hat.“ Lazy grinste ihn breit an. Es flashte Marek immer wieder, wie weiß die Zähne in dem dunklen Gesicht leuchteten.

„Bist du mein Freund oder nicht?“ Mehr wollte Marek jetzt nicht sagen, diese Frage traf es schon ganz gut auf den Punkt.

Er wusste selbst, dass sein Verhalten unangebracht war, aber die Vorstellung, Joe gegenüberzustehen, ging gar nicht. Immer wieder tauchte er hier auf, wenn Marek gerade wieder alles im Griff hatte. Verdammt, er wollte vergessen!

Warum ging der Kerl nicht die Kollegen im aktiven Dienst der benachbarten Feuerwache besuchen? Ein Zusammentreffen mit ihm würde Marek das Wochenende versauen. Immerhin war Freitag und sie hatten endlich mal eine Freischicht.

Mit verdrehten Augen wandte sich Lazy zum Gehen. „Dann soll ich also Theorie mit deinen Jungs pauken, obwohl du ihnen die erste Löschübung versprochen hast? Und dafür lässt du meinen Haufen an die Spritze? Das gibt sicher lange Gesichter in deinem Lager bei dem warmen Wetter“, bemerkte er, während sie über den Flur liefen.

„Ich habe Joe nicht hergebeten!“ Ein Feuer brannte in Mareks Magen. Am liebsten hätte er den Klöötsack an Arsch und Kragen gepackt und vor die Tür gesetzt.

„Da kommt einer aus deiner Truppe, das ist doch Rob. Lass ihn die frohe Botschaft verkünden“, schlug Lazy breit grinsend vor. „Des einen Freud, des anderen Leid. Meine Herren werden sich freuen, nicht im stickigen Raum sitzen zu müssen. Ich schicke sie dir raus.“

Na toll, der Kerl konnte manchmal so ein Wichser sein, aber Marek war froh, die Kurse tauschen zu können. Das rechnete er Lazy hoch an, der mit betont wackelndem Hintern zum kleinen Hörsaal abbog, wo die Theoriestunden abgehalten wurden. Was für ein Scherzkeks.

„Hau rein!“, rief ihm Marek hinterher.

Vor dem Gang Richtung Hof blieb er stehen, um auf Rob zu warten, der schnellen Schrittes angelaufen kam. Er war spät dran. Aber das störte Marek nicht, er mochte den hübschen großen Kerl mit den tätowierten Armen. Wahrscheinlich hatte er auch an anderen Stellen Bilder auf der Haut, aber das konnte er sich nur ausmalen.

„Moin, Marek“, begrüßte ihn Rob. Passte. Anscheinend dachte er, es erwartete ihn ein Anschiss wegen der Verspätung. „Es tut mir leid, ich war beim Sport und habe die Zeit vergessen.“

„Wo du wohl mit deinen Gedanken gewesen bist“, murmelte Marek und grinste Rob an. Heute benahm sich der Kerl ganz gesittet, aber sonst hatte er schon mal eine heftige Klappe am Leib.

„Immer keusch und anständig“, gab Rob schmunzelnd zurück.

Na klar, so, wie der Herr in der Vergangenheit gelebt hatte. Er kam aus schwierigen Verhältnissen und Marek hatte ihm durch das Auswahlverfahren geholfen. So eine ganz saubere Weste brachte der Junge nicht mit, aber das waren Delikte, deren Löschung aus dem Führungsregister beantragt werden konnten. Man musste es nur tun. Dank Mareks Sturheit hatte sich die Verwaltung darum gekümmert. Die Sesselpupser waren auch mal zu was gut.

Von dieser kleinen Intervention ahnte Rob nichts. Sportlich war er top. Die Handwerkslehre hatte er aus eigener Kraft geschafft, um im zweiten Anlauf etwas aus sich zu machen. Jetzt war er im Beamtenverhältnis, wenn er die Prüfung am Ende des Lehrgangs bestand.

Sein Lächeln erinnerte Marek daran, den Burschen demnächst mal schön leicht bekleidet auf die Endlosleiter zu schicken. Auf diesem Trainingsgerät machten knackige Hinterteile eine besonders gute Figur und Rob war wirklich ein Sahnestück. Was fürs Auge.

Mehr war nicht drin, mit Azubis sowieso nicht. Marek hatte einen Lebensstil gefunden, der seine Bedürfnisse abdeckte. Das nannte Lazy „Leben in deinem Naturschutzgebiet", aber das gefiel Marek nicht. Seine Natur brauchte keinen Schutz, es war nur ein Biotop nach seinen Vorstellungen.

„Du darfst mir einen Gefallen tun, Rob. Hol mal die anderen rein, ihr habt jetzt noch’n büschn Vertiefung der Löschtechnik im kleinen Hörsaal. Lazy hält euch einen schönen Vortrag. Wir hatten ein logistisches Problem und haben die Kurse getauscht“, erklärte Marek möglichst ernst, aber das war schwierig, denn Rob schaute ihn frech und gleichzeitig entgeistert an.

„Dann haben wir keinen Unterricht mehr bei dir vor dem Wochenende?“ Der Kloß in Robs Hals war beinahe sichtbar. „Ist es wegen Joe? Warum läufst du vor ihm weg?“

„Das sieht ja mal so aus“, beantwortete Marek seine erste Frage. „Und ich laufe nicht weg. Der Tüddelkram ist unwichtig.“

Es ärgerte ihn, dass die Jungs so viel von seinen Privatangelegenheiten mitbekamen. Ja okay, er ging Joe aus dem Weg, aber niemand sollte daran kratzen. Das war allein seine Sache. Schlimm genug, wenn Lazy ihm ständig den Kopf wusch.

„Bitte sag mir, was da zwischen euch passiert ist. Es bleibt unter uns“, forderte Rob regelrecht. So langsam vergriff er sich wieder im Ton.

Mensch, verdammt, für einen Kerl Anfang zwanzig konnte er gucken ... Wie ein junger Hund, aber einer, der gleich zubiss. Warum interessierte sich Rob so für ihn? Ein Klatschweib war er nicht, nur scheinbar mächtig neugierig.

„Wieso willst du das wissen? Außerdem wartet Lazy auf euch. Mach hinne, Westenhagen.“

Es tat schon etwas weh, den enttäuschten Blick auszuhalten. Aber Marek hatte hier das Sagen, daran musste er den einen oder anderen manchmal erinnern. Auf dem Gang sah er schon Lazys Truppe anmarschieren, die sichtlich gut gelaunt war.

„Genieße deine Freischicht, Rob“, fügte er hinzu. „Mach die Mädels glücklich.“

Dafür erntete Marek zusammengepresste Lippen, während Rob nickte. „Werde ich.“ Dann zog der Schnuckel mit hängenden Ohren ab. Was war da los?

„Grüße an Wischnewski!“ Den kleinen Seitenhieb konnte sich Marek nicht verkneifen, denn es war ein Running Gag zwischen ihm und Lazy, den Ruhrgebietsneger mit seinem bürgerlichen Namen aufzuziehen. Er durfte ihn so nennen, denn Frank Wischnewski war Mareks engster Freund und die heftigsten Witze über seine Hautfarbe kamen von ihm selbst.

Rob war schon kurz vor dem Hofeingang und hob kurz die Hand, um ein Okay zu signalisieren. Echt cooler Typ.

 

 

Kapitel 3

Verstohlen musterte Rob Joe, sie saßen etwa auf einer Höhe in den Sitzreihen des Hörsaals. Der Kerl war echt anhänglich. Er hatte zwar länger gebraucht, weil er nur langsam laufen konnte, aber er war jetzt mit ihnen im Unterricht. Das brauchte kein Mensch. Für Lazy schien das klarzugehen.

Diesmal sah Rob seine unversehrte Seite und Joe war wohl vor dem Unfall ein gut aussehender Mann gewesen. Jetzt tat er ihm irgendwie leid, denn selbst das Sitzen schien ihm große Probleme zu bereiten. Es hätte sicher bequemere Orte für ihn gegeben.

Da Marek die Zähne nicht auseinanderbekommen hatte, musste Rob spekulieren, was wohl die Ursache für Joes Entstellung war. Wahrscheinlich ein Brandunfall, aber Rob wollte Einzelheiten wissen.

Der Typ war Marek nicht nur lästig. Für sein ablehnendes Verhalten musste es noch andere Gründe geben. So langsam ärgerte sich auch Rob über Joes Anwesenheit, aber er würde ihm die Antworten nicht aus dem Kopf starren können. Es wurde für Rob zu etwas Persönlichem, denn Marek gehörte eindeutig in diese Kategorie.

Er wandte seinen Blick ab und schaute lieber nach draußen. Eigentlich hatte er das vermeiden wollen, denn da turnte der andere Kurs auf dem Hof herum und übte das, was Lazy ihnen hier als Trockenübung servierte. Den ganzen Salmon hatten sie schon gehört: erst Löschen in drei kurzen Stößen unter die Decke, dann das permanente Impulsen und zuletzt die Pinseltechnik mit dem breiten Strahl und einer Acht in der Luft. So bekam man die Flammen in geschlossenen Räumen unter Kontrolle und schonte die Wasserreserven.

Natürlich waren sie noch lange nicht soweit, in die Zimmerbrandanlage zu gehen, aber sie hätten heute einen Schlauch halten dürfen und Abkühlung wäre nicht weit gewesen. Dieser ganze theoretische Kram war was für‘n Arsch. Vor allem jetzt.

Rob war ganz scharf darauf, endlich Berührung mit echtem Feuer zu haben. Auch, wenn es vorerst aus dem „Drachen“ kam, so nannten sie den Gasstrahlbrenner. Für Rob war Bewegung wichtig, er brauchte Action. Wenn er rennen, klettern oder schwere Arbeit leisten konnte, war er glücklich. Oder auf etwas draufhauen.

Lernen fiel ihm nicht ganz so leicht. Vor allem zog er es vor, Marek zuzuhören, er liebte es, wenn er dozierte. Die Stimme war der Hammer, Rob hing an seinen Lippen. Nebenbei stellte er sich vor, wie die Muskeln unter der Haut bei jeder Bewegung spielten.

Gerade zogen die Kameraden draußen die Schutzkleidung aus, um sich für den Feierabend einzustimmen. Hoffentlich war ihre Theoriestunde auch bald beendet. Rob wurde immer unruhiger.

Bisher hatte er Marek noch nicht oben ohne gesehen, aber der Mann besaß einen wundervollen Körper. Wenn die Sportsachen hauteng vom Schweiß anlagen, war er eine Augenweide. Leider war Rob zu weit weg und konnte von seinem Platz aus nur erahnen, welcher von den halb nackten Kerlen Marek war.

Als er ihm gerade auf dem Flur ein schönes Wochenende gewünscht hatte, war Rob etwas klar geworden: Er wollte keine Frauen mehr beglücken. Es reizte ihn gar nicht, sich irgendwo eine Schnecke aufzureißen. Immerhin wusste er, was passierte, wenn er den Schwanz zu tief reinhängte. Seine kleine Tochter hatte er nur einmal gesehen, dafür lag sie ihm schwer auf der Tasche.

Er hatte schon lange keine Affäre oder einen One-Night-Stand mehr gehabt. Anscheinend lebte er im Zölibat, ohne es zu bemerken. Nur sein Armmuskel war einseitig gut trainiert. Dabei sah er Bilder von seinem Ausbilder, die ihn erröten ließen.

Heldengeschichten. Wirklich? Einen Vaterersatz suchte er auch nicht mehr. Jetzt war er froh, wenn seine Mutter die Finger von den Kerlen ließ, weil sie kein gutes Händchen bei der Auswahl hatte. Die Trulla schleppte immer die unmöglichsten Kerle an.

Marek war da ganz was anderes. Es pochte träge in Robs Lenden, wenn er daran dachte, wie er sich sein Shirt über den Kopf zog.

„Da mir hier sowieso keine Sau zuhört, würde ich sagen, wir stoppen jetzt“, hörte er Lazy mit dem halben Ohr sagen. „Macht, dass ihr auf den Hof kommt.“

Rob hob den Kopf und grinste befreit. Das war doch mal ein Wort. Er hatte wohl geträumt, denn seine Kameraden waren fast alle wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen. Jetzt war er einer der Letzten.

„Naaa, du hast mich ja gerade so neugierig angesehen“, sprach ihn Joe plötzlich an. „Das Feuer hat mich doch hübsch verziert.“

Mist! Was wollte er denn? Sollte Rob die Chance nutzen, etwas über den Vorfall zu erfahren? Auf so ein Gespräch hatte er jetzt gar keine Lust.

„Wir hängen deine Geschichte ganz sicher bald ans Schwarze Brett, Joe“, klinkte Lazy sich ein, der noch die Lehrgangsunterlagen zusammensuchte. „Lass den Burschen in Ruhe, er hat jetzt frei und will zu den anderen.“

Beinahe ertappt wendete sich Joe Lazy zu, er musste den ganzen Körper dazu drehen. „Ich will hier niemandem zur Last fallen.“

Lazy kam zu ihnen und legte die Hand an Joes unverletzte Schulter. „Ja neee, is klar. Schwing deinen Hintern raus, sonst schließe ich dich übers Wochenende ein“, sagte er lachend. „Du bist mir ne Marke, Joe.“

Die Gelegenheit nutzte Rob sofort, um die Biege zu machen. Er nahm seine Sachen. „Dann schönen Feierabend.“

Ein bisschen unangenehm war es ihm schon, den Mann einfach stehenzulassen, aber so schnell war Rob noch nie aus dem Unterrichtsraum gestürmt.

***

„Würdest du mal aufhören, mir das Ding auf die Titten zu halten!“, schrie Quotie, ihre Quotenfrau namens Sybille.

Die Kleine war echt tough, sie konnte gut bei den Jungs mithalten, wenn es um das Mundwerk ging. Körperlich hatte sie manchmal ihre liebe Not, aber sie war athletisch und kräftig. Rob mochte sie. Das Mädel war hübsch.

Aber er verzichtete darauf, sie anzugraben, das machten schon andere. Ganz besonders Maxe, der ihr gerade das C-Rohr auf den Balg hielt. Der Wasserstrahl war weit gefächert, sonst hätte der Druck sie umgehauen.

„Ach komm schon, das Flachland sollte gewässert werden“, übertönte Maxe grinsend den Lärm. Er war der Spaßvogel ihrer Truppe, aber das ging zu weit. Wenn es sich um Frauen handelte, konnte man ein wenig Respekt erwarten.

„Los, wir putzen ihm das blöde Grinsen vom Fressbrett.“ Rob lachte und ging mit Sybille zusammen zu ihrem Schlauch, der nur von mehreren Leuten gebändigt werden konnte, wenn er voll aufgedreht war. Marek hatte sie in zwei Gruppen eingeteilt und beobachtete sichtlich amüsiert, wie sich die beiden Lager nass machten.

Sie waren alle in Unterwäsche, weil sie gleich nach Hause fahren würden. Teilweise mit dem Zug, und keiner verspürte Lust, sich noch umziehen zu gehen. Die Kollegen mit der Schutzkleidung hatten auch die Hosen ausgezogen, weil sie schlecht trockneten. Immerhin bestand das Material aus mehreren Schichten. Dasselbe galt für die Stiefel.

Zu Robs Bedauern hatte Marek sich nicht an dem kleinen Striptease beteiligt.

Andreas, einer von Robs Lehrgangskollegen, war bei ihrer Spritze an der vordersten Position und hielt das Rohr wie Django: lässig aus der Hüfte. Das war ein knochentrockener Kerl, echt cool drauf.

„Wir müssen grad mal deine Haltung korrigieren“, rief Rob ihm zu und lenkte den Strahl tiefer, sodass Maxe für einen kurzen Moment dicke Backen bekam. Die kleine Attacke hatte auch ausgereicht, ihn ein paar Schritte rückwärts gehen zu lassen.

„Yeah! Voll auf die Zwölf!“, rief Sybille triumphierend. „Du wirst ja ganz rot, Süßer.“

Marek stand am Rande des Geschehens und gab das Zeichen für Rückzug. Hören konnten sie durch die Spritzgeräusche nicht viel, wenn sie direkt an der Quelle standen. Das war eine Verwarnung. Rob würde vielleicht einen Rüffel kassieren, aber Maxe war okay. Er zeigte ihnen lachend beide Mittelfinger.

„Findet ihr nicht auch, dass der Ausbilder wahnsinnig trocken aussieht?“ Mit völlig bewegungsloser Miene schaute sich Andreas kurz um und gab dem Rohr einen Schubs in Mareks Richtung. Die Gegenseite ließ sich nicht lumpen und er bekam unter wildem Gejohle den nächsten Guss.

Tropfnass stand Marek in Klamotten da und ließ das Wasser von seinem Klemmbrett laufen. Robs Herz zog sich zusammen. Hoffentlich dachte Marek nicht, der feuchte Gruß wäre von ihm gekommen. Er hielt vor Anspannung fast die Luft an, als der Boss völlig ungerührt das Signal zur Unterbrechung der Wasserzufuhr gab.

„Oh, oh, das gibt Ärger“, raunte Sybille Rob in der plötzlichen Stille zu.

Marek legte seine Unterlagen weg. Dann winkte er Lazy heran, der gerade zu ihnen gestoßen war. „Danke, Kameraden, die Teilnehmerliste ist soeben unbrauchbar geworden. Aber das kann durch ein kleines Ritual wieder hingebogen werden.“

Er grinste breit und nahm eines der Strahlrohre. „Schnapp dir das andere, Lazy.“

Huh, das würde wohl ein kleiner Racheakt werden. Zumindest übernahm ihr Herr Wischnewski nicht weniger belustigt den zweiten Schlauch.

„Aufstellung, Leute! Zack, zack!“, befahl Marek und sie bildeten die gewohnte Formation in der Gruppe. „Ihr lernt jetzt die Kraft des Wassers kennen. Unser Kollege Schneider hat ganz leuchtende Wangen. Dreht euch nicht um, sonst gibt es einen Einlauf.“ Er tauschte einen verschwörerischen Blick mit Lazy.

„Wer noch steht, bleibt. Die anderen machen sich auf in die Freischicht. Wir sehen uns am Montag.“ Dann nickte Marek Volli zu, der gerade Schlauchdienst hatte. „Vierteldruck, Wasser Marsch!“

Rob stand in der zweiten Reihe, aber er bekam trotzdem die volle Wucht mit, als ihnen die beiden Ausbilder die C-Rohre auf die Beine hielten. Wahnsinn! Das war geil. Dem Wasserdruck hatten sie nichts entgegenzusetzen. Rob erinnerte die Situation an Bowling, sie waren die Kegel. Marek schrie auch „Strike!“, als sie alle auf dem Boden landeten.

Zwei ganze Lehrgänge fanden sich in einem lustigen Haufen und einem Gewirr aus Armen und Beinen wieder. Die hinteren Kollegen waren eher hart gelandet und lagen ganz unten. Sybille hatte das Glück einer weichen Unterlage genossen, dafür waren ihre Schenkel schön rot. So war das an vorderster Front.

„Ihr seid ja nicht aus Zucker!“, schrie Lazy. Die kalte Dusche regnete noch einmal kurz über sie hinweg, dann wurde das Wasser abgestellt. Zimperlich durfte man hier nicht sein.

„Kevin, hast du ne Banane in der Hose?“, fragte Maxe und schielte selbst sehnsüchtig zu Sybille. Als Jüngster im Zug bekam Kevin immer den Spott ab. Er lachte zwar, aber er hatte eine rote Bombe.

Was für ein bekloppter Haufen. Hatte Rob sich schon mal mit anderen Menschen so wohl gefühlt? Er konnte sich nicht daran erinnern.

© Nicole Henser 2017

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